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György Ligeti1923 - 2006


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 13.6.2006 --- Ligeti ist mit Pierre Boulez und eben Stockhausen, mit Luigi Nono und drei, vier anderen Komponisten seiner Generation einer der einfallsreichsten, intelligentesten, aber auch skrupulösesten Komponisten gewesen, dessen Analysen neuer Musik fast so einflußreich und bemerkenswert gewesen sind wie seine Werke. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Ligeti, der noch aus der Tradition eines Bela Bartok kam, sich zwar immer auf der Höhe der musikalischen Entwicklung befand, aber Dogmen, auch jene der Avantgarde stets mied. (...) Und trotz aller Klangraffinesse und Intellektualität sind seine wuseligen Klanggebilde stets überaus sinnlich geblieben. Seine Kammermusikwerke gaben, etwa in den Streichquartetten, den zugleich sinnlich-süffig wie intelligent durchleuchtend und durchdringend, aber mit Lust analysierenden Virtuosen so feinsinnige wie eigensinnige Gelegenheit zu großem, intensiven Spiel.

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NEUE MUSIKZEITUNG, Juli/August 2006 --- Man wusste über Jahre von dem Loch, das sein Weggang reißen würde, jetzt aber stehen wir vor ihm und es ist größer als gedacht. Denn wieder hat die Musik eines der großen Korrektive, die die kompositorische Nachkriegsgeneration darstellte, verloren. Ligetis schöpferisches Denken hat der Musik eine in den 50er- und 60er-Jahren selbst verordnete Enge genommen, ohne je das Gebot der Differenzierung und der strukturellen gedanklichen Schärfe in Frage zu stellen, was teilweise von der nachdrängenden jüngeren Generation als Heilmittel propagiert wurde. (...) Immer hatte man dabei den Eindruck, dass Ligeti mit seinen Gedanken mitten im Zentrum der Dinge steht, dass sie ihn in allen Fasern der sinnlichen Präsenz in Beschlag nahmen. Und es waren Dinge, die uns alle angehen, da sie auf unser Verhältnis zur Welt, auf die Bewusstseinsformen unserer immer beschränkt bleibenden Wahrnehmung rekurrierten. Erkenntnis, das hieß für ihn auch die Analyse unserer durch die Grenzen von Sinn und Geist beschnittenen Kontakte zur Welt und ihren Erscheinungsformen. Ligeti hat auf diese Weise der Musik die Qualität der Neugier zurückgegeben (...): also nicht nur hören auf das, was geschieht, sondern ausprobieren, wie es sich zu störenden oder widerstrebenden Momenten verhält.

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NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 13.6.2006 --- Nur selten sind sich bereits die Zeitgenossen über die Bedeutung eines Künstlers so einig, wie sie es bei Beethoven oder, um ein Beispiel aus jüngerer Zeit zu nennen, bei Olivier Messiaen waren. In diesen erlauchten Kreis gehört zweifellos auch György Ligeti, genoss er doch schon zu Lebzeiten den Ruf eines überragenden Neuerers, ja des originellsten Komponisten unserer Zeit. Dieser Ruhm gründet sich im Wesentlichen auf eine Reihe von Werken, die zu unangefochtenen Klassikern des späten 20. Jahrhunderts avanciert sind. (...) Mit ihrer Betonung der Klanglichkeit und des Klangraumes, ihrem Sinn für oszillierende, schillernde und irisierende Hell-Dunkel-Wirkungen wies Ligeti einen Ausweg aus der Sackgasse, in die sich die dodekaphone und in der Nachfolge von Webern und Boulez zunehmend seriell bestimmte Musik der Nachkriegszeit manövriert hatte. Das geschärfte Bewusstsein heutiger Komponisten für den Klang und seine vielfältigen Phänomene dürfte massgeblich auf Werke wie «Atmosphères» oder auch «Lontano» von 1967 zurückgehen.

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DIE WELT, 13.6.2006 --- Er war neugierig. Er war aufgeschlossen. Er war unbeirrbar. Er war konsequent, aber er verzichtete nie darauf, sich von den wechselnden eigenen Eingebungen gefangen nehmen zu lassen. Nie konnte man vorhersehen, wohin ihn der nächste Schritt führen würde. Sicher war nur, er würde wieder zu Ligeti und keinem anderen führen. Zu einem neuen, unerwarteten Ligeti vielleicht, aber auf jedem Fall einem Ligeti höchsten Anspruchs. Dabei war er ja gar nicht von vornherein in die Moderne hineingeboren. (...) Er beschäftigte sich, gegängelt, mit Folklore wie jedermann, er hielt die Überlieferung in Gang. Aber er lieferte sich ihr nicht aus. Er horchte sich um. Er fiel auf durch sein bohrendes Interesse, seine musikalische Intelligenz, seine Eigenwilligkeit. (....) Von Stück zu Stück wurden Ligetis Fähigkeiten deutlicher, die Zeit auf seine ganz eigene, herzlich unabhängige Art künstlerisch auszulegen. Nicht Originalität zu ertrotzen, sondern auf seine unverwechselbar eigene Art originell zu sein.

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DIE TAGESZEITUNG, 14.6.2006 --- Der Gang der Geschichte im 20. Jahrhundert hatte den eloquenten Ligeti zum Weltbürger gemacht. (...) Seine ersten eigenen kompositorischen Arbeiten fielen unter das Verdikt der "formalistischen Musik". Die Repressionen der Kulturfunktionäre weckten seinen Trotz. So, wie er zuvor der jüdischen Identität durch die Verfolgung gewahr geworden war - sein Vater und ein Bruder starben im KZ, er selbst konnte aus dem Arbeitsdienst der ungarischen Armee 1941 mit Mühe entkommen - begriff er sich nun dezidiert als modernen Künstler. (...) Es war alles andere als Zufall, dass Stanley Kubrick 1967 für die Musik zu seinem Film "2001: A Space Odyssey" ("Odyssee im Weltraum") auf Ligetis avancierte Arbeiten zurückgriff, der damit auch ganz andere Hörer als bisher erreichte. (...) Mit Handlangern und Schönrednern der Diktaturen mochte Ligeti nicht an einem Tisch sitzen. Anfang 1992 trat er daher, unmittelbar nach dem Beschluss der "En-bloc-Vereinigung" der beiden Berliner Künstler-Akademien, unter Protest aus der West-Akademie aus und forderte vom Präsidenten Walter Jens die Neugründung der ästhetischen Ehrenlegion. Frei sollte die Welt sein, die sich er wünschte und für die er arbeitete.

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DIE TAGESZEITUNG, 23.6.2006 --- Interview mit dem Ligeti-Schüler Manfred Stahnke „Ligeti favorisierte eine multiplexe Logik, wir springen herum, die Dinge passieren nicht gleichzeitig, aber kurz nacheinander, übergangslos: hier steht ein Klavier, dort das Aufnahmegerät, da ein Notenständer. Abrupte Wechsel, Plötzlichkeit ist ja durchaus ein Stilelement seiner Etüden. (...) Musik kann tatsächlich einlullen. Dagegen hat sich aber Ligeti ausdrücklich gewendet: er wollte immer Aktivität. Auch "Atmospheres": Das sollte kein Nebel sein, der uns die Sicht nimmt. Im Gegenteil: das Werk sollte das Denken anstacheln. (...) Er war ja der wichtigste Lehrer in Deutschland, und vielleicht in Europa auch. Stockhausen ist fragwürdig, Boulez steht allzu sehr in der Nachfolge Messiaens. Auch für Ligeti ist Messiaen, neben Stravinski, der größte Komponist des 20. Jahrhunderts. (...) Aber Ligeti war nicht auf Messiaen fixiert, er holte sich Anregungen aus allen Bereichen: und das macht ihn ziemlich eizigartig. An Ligeti führt heute kein Weg mehr vorbei.“

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DIE ZEIT, 14.6.2006 --- Ligeti interessierte sich für den Moment, an dem die Systematik Amok läuft und ins Poetische und Fantasievolle umschlägt. (...) Das ist das Wunderbare an der Musik von György Ligeti – sie ist labyrinthisch, Haken schlagend und nie auf einen Begriff zu bringen. (...) Ligeti hat eine höchst eigenwillige Spur durch das Dickicht der Moderne gelegt. Fernab von allen Ideologien, für die hatte er nichts übrig. Er war kein Weltanschauungskünstler, mochte das Menschheitsbeglückungspathos nicht. Ganz unbeethovenianisch kommen seine Werke daher, ohne große Botschaft. Zu sehr haben ihn dafür die Erfahrungen des Faschismus und des Sozialismus geprägt. (...) Und wo war nun eigentlich seine Heimat? Vielleicht findet man sie im Land Kylviria. Von dem nämlich existieren mythologische Geschichten und präzise Landkarten. Die Bewohner von Kylviria sprechen auch eine eigene Sprache. Aber das Land gab es nur in der Fantasie des Komponisten. Als Fünfjähriger hat er es sich ausgedacht, und von dort ist die Fantasie aufgebrochen, um die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend zu bereichern.

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DIE ZEIT 28.5.2003 --- Ob er zum runden Geburtstag wieder einen von seinen bunten Strickpullis anzieht? (...) Kleinteilig gemustert sind sie in grellbunten Zickzacklinien und Rechteckrastern, die aus der Ferne zu einer flimmernden Farbfläche verschwimmen. Typisch Ligeti. Wahrscheinlich hat er die Pullovermuster als Klänge wahrgenommen, als er zum ersten Mal im Laden vor ihnen stand. Ligeti ist nämlich Synästhetiker. In seinem Kopf verwandeln sich Bilder, Formen und Farben unwillkürlich in Rhythmen und Töne. Auch zu Labyrinthen, Spinnennetzen oder geometrischen Körpern assoziiert sein Gehirn Musik. Selbst für undurchschaubarste musikalische Formverläufe hat er eine treffende Bildvorstellung parat. Das Gewusel in seinem Stück Ramifications zum Beispiel beschreibt er als „Lianen, die in rotierende Räderwerke hineinwachsen“. Deshalb zeigt sich wohl auch in der Wahl der Oberbekleidung etwas von seiner Musikalität. Vielleicht würde so ein serielles Pulloverstrickmuster, in Noten übersetzt, sogar als Strukturschicht für eine seiner Kompositionen taugen. Freilich nur für eine Schicht von vielen, denn Ligetis Stücke sind kompliziert. (...) Ligeti hat ein Faible für surrealen Witz und das Burleske. (...) Den biografischen Hintergund für solches Spiel mit der abgründigen Tragikomik bilden die Erfahrungen, die Ligeti mit dem Faschismus und später mit dem Stalinismus gemacht hat (...) Man glaubt, durch diese bizarren Szenen hindurch immer auch den Klang von Ligetis eigener Musik zu vernehmen: die Doppelbödigkeit, die Zuspitzungen, die beschädigte Mechanik, das Schmutzige, „Nicht-Puristische“, wie er es selbst bezeichnet.

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